Ansprache von Dorothe Kienast an der Diplomfeier der Tierpfleger (Strickhof)

„Liebe Lernende – ich spreche zuerst Sie an, weil Sie heute im Mittelpunkt stehen
Lieber Schulleiter Oliver Wegmüller, geschätzte Vertreter der Schulkommission
Geschätzte Berufsbildnerinnen und Berufsbildner, liebe Eltern, geschätzte Kolleginnen und Kollegen

Ich wurde gebeten, ein paar Worte über mein erstes Jahr als Klassenlehrerin am Strickhof zu sagen. Gerne!

«Ein Lehrer ist ein Schüler – mit ein bisschen Vorsprung», hat einmal ein gescheiter Mensch gesagt. Ich bin quer aus einem ganz anderen Ursprungsberuf als Lehrerin zu Ihnen gekommen. Und heute sind Sie nicht mehr Lernende, sondern Berufsleute. Ihnen würde ich meine geliebten Tiere anvertrauen. Ihre Liebe zu den Tieren, Ihr Interesse und Fürsorge für die verschiedenen Arten und Individuen und Ihre professionelle Haltung haben mich beeindruckt. Sie haben mir in Ihren Vorträgen oder in informellen Pausengesprächen viel über die Tiere, die Sie beruflich oder privat betreuen, erzählt und beigebracht. Immer wieder wurde ich in ganz persönlichen Fragen, die weit über den Beruf hinausgehen, im vertrauten Gespräch als Klassenlehrerin beigezogen. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass ich Sie ein Jahr begleiten durfte.

Schulgegner behaupten, dass in der Schule lauter Fragen beantwortet werden, die nie jemand gestellt hat. Die Erfahrung mit Ihnen hat mich gelehrt, dass das nicht stimmt. Sie haben entlang der Bildungsziele unter Anleitung und selbständig Fragen gestellt, nach Antworten gesucht, gelernt und geübt. Ich erinnere mich – lächelnd – daran, als Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben, dass die Verdauung des Kaninchens nun wirklich nicht noch einmal durchgenommen werden müsse… Sie sind also durchaus in der Lage, selber Fragen zu stellen, Sie haben Ihr Lernen in die Hand genommen – mit Erfolg, wie die heutige Diplomübergabe zeigt

Und Sie haben sich vehement gewehrt, wenn ein Teil nicht zu den anderen passte oder wenn die Organisation nicht stimmte. Die Karten, die Sie mir geschrieben haben mit dem Feedback über das Jahr, bewahre ich gerne auf: Sowohl die mit den Komplimenten als auch die mit der Kritik. Sie haben sich eingesetzt für sich und für Ihr Lernen. Und Sie haben gelernt, dass konstruktiv geübte Kritik weiterbringt. Davon könnten sich viele Ältere eine dicke Scheibe abschneiden. Und ich hoffe, dass mir auch künftige Klassen mit dieser Offenheit begegnen werden. Dann werde ich mich auch dort gerne einsetzen.

Was Sie in der Schule gelernt haben, haben Sie mit dem verknüpft, was Sie aus Ihrer täglichen Arbeit im Betrieb wussten. Betrieb, ÜK und Schule wurden nur durch Ihre persönliche Leistung miteinander verbunden. Auf der ganzen Welt wird dieses System als duales Bildungssystem gelobt. Es war lässig und spannend für mich, dieses Erfolgssystem mit Ihnen erlebt zu haben.

Es war ein tolles Jahr mit Ihnen am Strickhof. Ich danke dir, Oliver Wegmüller, für das Vertrauen, euch, liebe Kolleginnen für die Unterstützung und Ihnen, geschätzte Lernende für die Offenheit. «Der Weg ist das Ziel», sagt man. Auch als begeisterte Wandererin sage ich: Das ist Quatsch. Wir haben immer ein Ziel und wir sollen immer ein Ziel haben. Sie haben ein grosses Ziel erreicht. Zu Recht feiern Sie, für sich, mit Ihren Kolleginnen und Kollegen, Sie empfangen Gratulationen, wir anerkennen Ihre grosse Leistung. Aber: Für jedes von Ihnen wartet ein neues Ziel. Ich habe von Ihnen gehört, dass Sie sich dafür einsetzen, dass es in Ihrer Branche einen Gesamtarbeitsvertrag geben soll. Sozialpartnerschaft ist wichtig. Es braucht aber für die volle Anerkennung Ihres Berufs mehr Fort- und Weiterbildung. Neben einzelnen Kursen braucht es unbedingt mindestens mittelfristig auch eine höhere Berufsausbildung, sonst droht ihr Berufsstand wissens- und lohnmässig bei dem zu bleiben, was Sie heute mit dem Diplom in der Hand haben. Ich traue Ihnen aber mehr zu!

Einige wenige von Ihnen fehlen heute in diesem Saal. Sie haben die Prüfung nicht im ersten Anlauf geschafft. In der Leichtathletik bei den Hochspringern ist es ganz normal, dass die Athletinnen und Athleten für jede neue Höhe mehrere Versuche zugute haben. So wird das hoffentlich auch ihre Kollegin sehen, die Anlauf holen muss für den nächsten Versuch.

Ich wünsche Ihnen frohes Feiern und danke für die Aufmerksamkeit.“

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